Acht Brillen

An der Grenze des Moments

Was sieht Gott, wenn er uns sieht?

Mirko Thiele Von Mirko Thiele

08 Mai 3 min

Versucht ihr manchmal, euch vorzustellen, wie Gott ist? Also ohne „Schummeln“ und nicht nur entweder als Vater, Sohn oder Heiliger Geist, sondern als „Ganzes“. Wie ist das wohl, wenn man als körperloses Wesen (?) völlig unabhängig von Raum und Zeit existiert (?). Wo war Gott eigentlich, bevor es das Universum gab? Und wie lange war er dort? „Wo“ und „Wie lange“ sind im Grunde ziemlich bescheuerte Fragen, in Bezug auf alles, was war, „bevor“ es Raum und Zeit überhaupt gab. Existiert Gott nur in diesem Universum oder auch in anderen? Ist Gott überhaupt ein „er“ oder eine „sie“; vermutlich eher keins davon, oder?

Besonders fasziniert mich die Vorstellung, dass Gott zu allen Zeiten gleichzeitig existiert, weil „er“ kein lineares Wesen ist. Behaupte ich jetzt einfach mal so. Ich nehme an, gerade „jetzt“, wo ich hier sitze und meine Gedanken aufschreibe, erlebt er mich auch als kleines Kind und als alten Mann. Für „ihn“ existiert Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft „gleichzeitig“. Gibt es für ihn vielleicht nur ein großes und ganzes „Jetzt“?

Und warum hat er mein Gehirn so klein gemacht, dass es mir so schnell so schwerfällt, mir das vorzustellen? 

Ich fotografiere gerne. Dabei geht es darum, einen bestimmten Moment einzufangen und „festzuhalten“. Schaut euch mal dieses Foto von dem fliegenden Kolibri an. 

Bildquelle: Mirko Thiele

Mit bloßem Auge kann man seine Flügel beim Fliegen nicht sehen, weil er damit schneller flattert als unsere Augen gucken können. Aber mit einer ganz kurzen Belichtungszeit (1/1600 Sek) kann meine Kamera diesen einen Moment einfangen und dann kann ich ihn in aller Ruhe betrachten. 

Bildquelle: MirkoThiele

Das Foto von dem Sonnenuntergang ist etwa drei Mal so lange belichtet wie der Kolibri. Es zeigt einen Moment, den wir auch wahrnehmen können. Was auf dem Foto zu sehen ist, habe ich so auch gesehen, als ich auf dem Berg stand. Wenn ich mit der Verlängerung der Belichtungszeit noch einen Schritt weiter gehe, entstehen Bilder wie diese Abendstimmung am Meer. 

Bildquelle: Mirko Thiele

Auch hier würden wir sagen, solche Momente können wir „wirklich“ erleben. So ganz stimmt das aber nicht mehr, denn hier habe ich vier Minuten lang belichtet. Dadurch wurde das Wasser sehr weich und glatt. Auch wenn uns die Situation bekannt vorkommt, können wir sie so mit unseren Augen nicht einfangen (außer, das Wasser ist wirklich völlig ruhig). Hier beginnt etwas Faszinierendes: Was wir als eine Aneinanderreihung von vielen einzelnen Momenten erleben, wird in einem einzigen Bild verschmolzen. Noch deutlicher wird das bei diesem Bild: 

Bildquelle: Mirko Thiele

Das ist eine echte Aufnahme des Sternenhimmels. Das hat es so wirklich gegeben. Das ist der Sternenhimmel über einen Zeitraum von etwa einer Stunde und die Erde hat sich in dieser Zeit ein ganzes Stück weit gedreht. Ist es deshalb nicht real? Doch. Sonst hätte ich es ja nicht fotografieren können. Aber hier überschreitet die Aufnahme die Grenze dessen, was wir noch als einen einzelnen Moment erleben können. Ohne genauer definieren zu müssen, wie lange „ein Moment“ überhaupt genau dauert, merken wir, dass das, was wir selbst in einem einzigen Moment erleben können, nicht mehr mit dem übereinstimmt, was die Kamera auf ein Bild komprimiert. 

Vielleicht ist es für Gott auch ein bisschen so, wenn er (oder sie?) die Zeit „anschaut“. Vielleicht ist Gottes Wahrnehmung nicht auf einen einzelnen Moment begrenzt und er kann nicht nur einzelne Zeitpunkte sehen, sondern die Geschichte eröffnet sich ihm als Zeitverlauf, den er mit einem einzigen Blick erfassen kann. So wie ich eine ganze Stunde auf einen Blick sehe, wenn ich das Sternenfoto anschaue. Nur mit dem Unterschied, dass er gleichzeitig auch in jedem einzelnen Moment existiert und für mich alle Momente unwiederbringlich in der Vergangenheit zusammengeschmolzen sind und nur das komprimierte Foto weiter existiert.

Aber immerhin, einen kleinen Schritt bringt es mich weiter. Nicht wirklich im Verstehen, sondern im Vertrauen. Darauf, dass „jemand“ vom Anfang bis zum Ende alles im Blick hat – und glücklicherweise auch weit darüber hinaus.