Acht Brillen

Auf der schiefen Bahn

Von Jason Querner

28 Feb 3 min

Eine ungeschriebene Regel besagt: Wer die Bahn, den Bus oder das Wartezimmer betritt, sollte bei seiner Platzwahl einen möglichst großen Abstand zu den bereits sitzenden Personen wählen. Damit fühlen sich alle wohler. Nachdem ich dieses Verhalten im öffentlichen Personennahverkehr Berlins eine Weile beobachtet hatte, kam ich – wahrscheinlich aus Langeweile – auf den Gedanken, diese Regel bewusst zu brechen und mich in einer fast leeren Bahn direkt neben eine bereits sitzende Person zu setzen. Doch wem soll ich mich denn zumuten, nur um mir einen Spaß zu gönnen?

Nein, es ist ja kein Spaß, es ist ein soziologisches Experiment: Ist uns unser weiter Raum wirklich so wichtig oder könnten wir ein bisschen Nähe doch gut aushalten? Auf der Suche nach der geeigneten Person, fing ich an, Kategorien für mich herauszubilden. Da sind zum Beispiel diejenigen, neben die ich mich gar nicht setzen will, weil mir das aus verschiedenen Gründen selbst unangenehm wird. Bei manchen habe ich sogar Angst, dass deren Reaktion nicht nur verbal ausfallen könnte.

Letztlich gibt es nur Wenige, denen ich mich zumuten würde. In der Vorbereitung auf mein soziologisches Experiment beobachtete ich, dass sich bei einer sich füllenden Bahn die meisten Menschen neben eine Person setzen, neben die ich mich wohl auch gesetzt hätte. Tatsächlich, so scheint es, ticken die anderen Menschen auch nicht so sehr anders, als ich.

Mittlerweile gibt es sogar einen ganzen Forschungszweig, der sich mit solchen Themen beschäftigt. Es ist die Soziologie des Alltags – Regeln, Verhaltensweisen, Phänomene, die unser alltägliches Leben steuern und überhaupt erst möglich machen. Dabei spielen Nähe und Distanz eine große Rolle. Je nach Quelle kann man das Miteinander von Menschen in vier Distanzzonen einteilen. In der Öffentlichen Zone, z.B. beim Zuhören eines Vortrages, fühlen sich viele mit einem Abstand von 3,60 m und mehr wohl. In der Sozialen Zone, z.B. beim Warten auf dem Bahnsteig fühlen sich die meisten noch mit 1,20 m - 3 m wohl. In der Persönlichen Zone, z.B. beim Unterhalten mit einer Person fühlen sich viele mit einem Abstand von 0,60 m - 1,20 m wohl. Die Intime Zone (<0,60 m) bleibt nur vertrauten Personen vorbehalten, Personen die man gerne umarmt.

Wenn also eine völlig fremde Person in den Bereich kommt, der eigentlich nur Personen vorbehalten ist, die man gut kennt und mag, dann kann das zu einem Stresstest werden.

Es ist schon spannend, dass genau diese Zonen auch im Alltag von Gemeinde eine Rolle spielen, vor allem, weil es in Gemeinden so viele Ambivalenzen gibt. Einerseits spielen Werte wie Offenheit, Herzlichkeit und Annahme eine große Rolle, aber auf wen wir gerne zugehen und wen wir vielleicht auch als Freundin oder Freund bezeichnen würden, ist schon sehr selektiert. Einerseits bezeichnet man sich hier und da als Schwestern und Brüder, aber so richtig kennen, tut man sich nicht.

Manchmal ist physische und emotionale Nähe gut und gewünscht. Manchmal ist die Nähe nicht gut und unerwünscht. Da lässt man im Gottesdienst schon mal ein oder zwei Plätze frei, weil einem der Abstand zum Nachbarn wohltut. Da setzt man sich nicht so gerne in die erste Reihe, weil einem ein größerer Abstand zur predigenden Person und nicht so viele Leute im Rücken guttun. Und hier und da dringen manche ungefragt in die Intime Zone einer anderen Person ein. Alte Männer geben jungen Frauen einen Kuss auf die Wange. Neue Personen in der Jugend werden umarmt. Babys und Kinder werden angefasst.

 

Und neben manchen Personen bleibt der Platz immer leer.

 

Sind wir auf der schiefen Bahn? Oder sind solche Ambivalenzen ganz normal und erklärbar? Lassen sich diese Ambivalenzen überhaupt auflösen? Müssen wir nur ehrlich genug sein und Lieblosigkeiten akzeptieren? Darf man das überhaupt in der Gemeinde ansprechen? Und wo ist der Rahmen dafür?

Vielleicht lasse ich mein Bahnexperiment doch lieber sein und nehme mich diesen soziologischen Besonderheiten in der Gemeinde an.