Acht Brillen

Bäume auf meinem Weg

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Bildquelle: Cornelius Schneider

Es ist ein schönes Gefühl, auf dem Weg zur Arbeit durch ein kleines Stück Natur zu laufen. Ich tanke Energie fürs Büro. Werde wach und freue mich an Gottes Schöpfung ebenso wie an dem Wechsel der Jahreszeiten.

So gehe ich eigentlich recht fröhlich und entspannt zur Arbeit. Naja, ich GING fröhlich und entspannt. Denn dann kam der Wind. Die vergangenen Stürme haben auch in diesem Waldstück ihre Folgen liegen lassen. Und nun liegen sie da: zwei Bäume. Mitten auf „meinem“ Weg! Was soll ich denn jetzt damit machen?

Ich erlebe …

  • … Frust – Sackgasse! Hier geht’s nicht mehr weiter! Und jetzt? Umdrehen?

  • … Hilflosigkeit – wo soll ich denn jetzt lang gehen?? Wie umlaufe ich den einen Baum? Rechts ist ein Gestrüpp. Links eine Pfütze. Soll ich einen weiteren Umweg gehen? Den einfachen, breiten Weg. Einfach gar nicht erst durch dieses Waldstück?

  • …Ärger – Hätte der Baum nicht einen Meter weiter links oder rechts runter kommen können?!

  • … Mut oder Leichtsinn? – Der Baum liegt ja schon unten, also kann ich sicherlich auch unter dem halb abgebrochenen Ast hindurch gehen. Wird schon nichts passieren. Oder kommt der doch noch runter?

  • … Noch mehr Ärger – Warum kommt eigentlich keiner und räumt hier auf? Wem gehört eigentlich dieser Wald? Der/die könnte doch mal dafür sorgen, dass der hier weggezogen wird. Es betrifft doch auch andere, die hier lang wollen.

  • … Abwehr  – Ich?? Bin ich derjenige, der den Weg freimachen könnte? Sollte ich vielleicht diesen Ast anfassen und beiseite ziehen? Nein, der ist viel zu groß. Den schaffe ich nicht alleine. Außerdem muss ich ja auch schnell ins Büro. Jetzt habe ich keine Zeit dafür. Außerdem würde ich mir ja die Hände dreckig machen …

  • … Erstaunen – Nanu, was ist denn das? Der eine Ast ist schon abgeknickt und guck an: hier ist der Weg schon festgetrampelt. Dann gehe ich auch hier lang. Krass, so schnell entsteht ein neuer Trampelpfad?!

  • … Gemeinschaftsgefühl – Ich bin hier morgens zwar allein, aber andere gehen den Weg auch. Denn hier sind Spuren zu erkennen. Die Menschheit scheint den Weg rechts zu nutzen. Dann gehe ich auch ab jetzt da lang und nicht durch die Kuhle.

  • … Gewohnheit – Ach, inzwischen ist der Baum gar nicht mehr im Weg. Ich kann genauso gut hier lang gehen. Und beim zweiten Baum, der quer liegt, weiß ich inzwischen auch wie ich über ihn klettere. Ich weiß genau, wo ich hintreten kann. Zeitverlust? Minimal! Ärger? Keiner!

  • … Mut – Traue ich mich auch mit Anlauf über den Baum zu springen?
Bildquelle: Cornelius Schneider
Bildquelle: Cornelius Schneider

Inzwischen freue ich mich über die beiden Bäume auf meinem Weg. Sie gehören nun dazu. Es hat etwas gedauert, aber sie sind in meinen Weg und den vieler anderer integriert worden. Die Hindernisse sind alltäglich und somit eingeplant worden. Wir alle, die wir vorbei gehen, haben zu einer Lösung beigetragen. Die Bäume sind mit eingeplant, werden überwunden und ein kleiner Umweg wird in Kauf genommen. Schon bald werde ich mich nicht mehr an den ursprünglichen Weg erinnern können.

 

Das Reich Gottes gleicht einem Mann, der sich auf den Weg machte
und über Bäume nachdachte, die ihm im Weg waren …

Einerseits
freue ich mich sehr, dass ich so einige Herausforderungen und Hindernisse in meinen (Lebens-)Weg integriert habe. Wenn ein Weg versperrt wurde, habe ich eine Alternative gefunden. Ein Studienplatz, den ich nicht bekommen habe. Eine Freundschaft, die auseinanderbrach. Krankheiten in meiner Familie und der Tod von lieben und bedeutenden Menschen in meinem Leben.
All das hat mich geprägt und ich musste mich neu orientieren. Neue Wege suchen.
Mit Rückschlägen leben und lernen, daraus zu wachsen. Neue Kraft tanken. Heilsame Gespräche führen. Mich für kommende Unwägbarkeiten und „Umwegbarkeiten“ bereit machen. All das hat mich gestärkt. Fachleute nennen es Resilienz. Und ich bin unglaublich dankbar für manche Kraft in Krisenzeiten.
Preist den Herrn!

Andererseits
liegen da immer noch zwei Bäume auf meinem (Lebens-)Weg: So manche Herausforderungen umschiffe ich lieber, statt mich dem konkreten Problem zu stellen. Anpacken und beiseite räumen. Das Gespräch suchen, was den Konflikt klären könnte. Oder die Dinge aufarbeiten, die ich schon lange mit mir herumtrage. So lang aufgeschobene Aufgaben endlich abarbeiten. Ich suche Ausreden:
„Ist ja nicht so wichtig.“
„Er/sie hat es sicherlich schon lange vergessen.“
„Die alten Dinge will ich nicht aufwühlen.“
„Sollen sich andere drum kümmern!“ ...
Manchmal fehlt mir die Kraft, der Mut, oder der Wille, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen.
Die Bäume erinnern mich daran und sagen mir: Es ist ok. Ich darf auch schwach sein. Hindernis darf auch (eine Zeit lang) Hindernis bleiben.

In Gottes Reich ist Platz für beides.