Acht Brillen

Blauer Hibiskus

Von Maria Hofmeister

01 Nov 2 min

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Bildquelle: Fischer Verlage

Ein großer Wurf, dieses Buch namens „Blauer Hibiskus“ der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie.   

Es ist ein Roman (nicht nur) über geistlichen und körperlichen Missbrauch an einer Jugendlichen und die Befreiung daraus, eine Coming-Of-Age Geschichte mit dem Hintergrund der wechselvollen und sehr leidvollen Geschichte Nigerias.

Die 15-jährige Kambili wächst in Lagos auf, materiell geht es der Familie mehr als gut. Der Vater tritt zunächst als angesehener Geschäftsmann und Journalist auf, der seine politische Meinung offen vertritt und nebenbei Menschenrechtspreise bekommt. Ein guter Katholik ist er auch. Die Mutter ist eine liebevolle Person. Doch von Anfang an merke ich beim Lesen, dass etwas nicht stimmt, wenn Kambili (in der Ich-Perspektive) von ihrer Familie erzählt: Schläge und mehr sind an der Tagesordnung, wenn sie und ihr Bruder Jamal nicht mitbeten, ihren („heidnischen“) Großvater für mehr als 15 Minuten besuchen, Dogmen nicht richtig aufsagen, lachen, nicht die Besten in der Schule sind. Der Vater als totaler Tyrann, der einen äußerst strengen und selbstherrlichen Glauben vorlebt.  

Stoisch erträgt Kambili alles, nimmt ihren Vater in Schutz. Sie wundert sich, dass sie nicht wusste, dass Zungen auch christlich sein können (als sie z.B. bei ihrem „heidnischen“ Großvater angeblich verunreinigtes Essen zu sich nimmt).

Sie erträgt alles solange, bis sie bedingt durch einen Militärputsch und die damit einhergehende Unsicherheit bei ihrer Tante wohnt und dort eine Familie kennenlernt, in der gelacht wird, fröhlich und zweifelnd und anpackend geglaubt wird, inmitten aller Probleme. Dadurch wird eine fatale Kettenreaktion in Gang gesetzt.

Die große Stärke des Romans liegt in der empathischen und großartigen Schreibweise der Autorin, die sensibel und gleichzeitig deutlich aufzeigt, welche Folgen ein geistlicher Missbrauch hat, dass Gottesbilder blockieren und lebensuntüchtig machen können. Somit stellt dieser Roman die Frage, wie es gelingen kann, einen weiten und von „Graustufen“ durchzogenen Glauben zu leben, der vielleicht nicht so viele Antworten bietet, wie wir uns das wünschen – der aber nah am Leben ist. Jedenfalls wünsche ich mir das.

Ein umwerfender, packender und wichtiger Roman, der mich sehr geprägt hat. Für mich persönlich ist es das beste Werk der Autorin. Es ist so ein Buch, an das ich immer wieder denke, weil es viel in mir geweckt hat und auch die Wut über geistlichen Missbrauch größer gemacht hat.

Ich selbst war in meinen Teenager- und Jungen Erwachsenen Jahren glaubensmäßig krasser unterwegs. Bedingt durch biografische Erlebnisse habe ich schmerzhaft gelernt, dass Glaube oft ein großes Fragezeichen ist, in dem ich aber auch gehalten bin. Das Buch hat mir auf meiner Reise zu einem weiteren Glauben sehr geholfen.

Sicherlich ist es ein schweres Thema das aber, in Romanform verpackt, es schafft, neue Wege zu gehen.

Auch wenn Nigeria weit weg scheint, schafft es dieses Buch meines Erachtens Brücken zu bauen und nebenbei etwas über das nigerianische Christentum zu lernen.

Adichie selbst ist eine großartige Autorin, deren Bücher es schaffen, den Horizont zu erweitern. Zudem inspiriert sie mich als überzeugte Feministin und Erzählerin, die zu aktuellen Themen spricht und dabei mit Klugheit, Schärfe und Witz sich einbringt. Ihr TEDx Talk „We should all be feminists“ (Wir sollten alle Feminist*innen sein) hat ihr auch große Aufmerksamkeit eingebracht (https://www.youtube.com/watch?v=hg3umXU_qWc).

Erschienen ist das Buch im Fischer Taschenbuchverlag, Preis: 10,99 €