Acht Brillen

Brennende Augen

Johannes Lepsius; Ein Leben für die Armenier. Sein Kampf gegen den Völkermord.

Von Maria Hofmeister

31 Mai 2 min

Basierend auf dem Leben von Johannes Lepsius erschien vor einigen Jahren eine Romanbiografie, die mein Leben nachhaltig berührt hat. Brigitte Tröger schreibt darin, wie Lepsius versucht hat, 1918 und davor sich dem Völkermord an den Armeniern entgegenzustellen. Dies geschah durch viele (Undercover-)Reisen in die betroffenen Gebiete, Absprachen mit Helfer*innen vor Ort, politische Interventionen mit deutschen und türkischen Politikern, Rettung der Geflüchteten in andere Länder und Gesundheitsvorsorge. Bildhaft und erschütternd nimmt die Autorin mit hinein in ein Geschehen, das grauenhaft war. Der vorsätzliche Mord am armenischen Volk ist kaum in Worte zu fassen. Das damalige deutsche Reich hatte sich mitschuldig gemacht.

Die Romanbiografie hat mich auch deshalb so gepackt, weil es für mich danach praktisch geworden ist. Das ist ja ein wesentlicher Aspekt der Spiritualität: dass die innere Erfahrung auch nach außen geht.

Was tun im Angesicht des Unheils und der großen Ungerechtigkeit? Was entgegensetzen? Oft sind es nur die kleinen Dinge. Geht nicht mehr? Wie kann so etwas Grauenhaftes passieren? Jahre später wiederholt es sich. Ändern wir uns jemals?

Für Lepsius war es klar der Glaube, der ihn antrieb, etwas zu tun und mit dem Kopf durch die Wand gegen den Genozid aufzustehen. Er konnte Menschen retten, aber auch nicht alle. Die Geschichte spricht einmal mehr eine gewichtigere und tragischere Sprache. Wo war Gott? Platte Attitüden gelten nicht.

Was mir an dem Buch – trotz der schweren Thematik – gefallen hat, ist, dass es aufrüttelt und nicht gleichgültig macht. Die Sprache ist einfach und packend, es zeigt, dass der Glaube in der Verbindung mit der Tat etwas tun kann.

Selten war ich nach einer Lektüre so davon bewegt und fragte mich, was ich tun kann. Ich weiß heute noch um die Tränen, darum, wie erschüttert ich war. Ganz konkret nahm ich mit der Hilfsorganisation Kontakt auf, die im Buch genannt wird (Christlicher Hilfsbund im Orient e.V.) und sich in Armenien und im Libanon einsetzt. Drei Monate später war ich durch eine Frage seitens der Organisation im Libanon, im armenischen Teil – aufgebaut von Menschen die selbst den Genozid überlebt haben (oder deren Vorfahren) und nun Hoffnung weitertragen. Fruchtbares Land, die beste Fischzucht im Libanon, dreisprachige Schilder, ein Internat für armenische Kinder aus schwachen Familien mit dazugehöriger Schule. Ganz nah an der syrischen Grenze ist dieser Ort Aanjar zu einem Zeichen der Hoffnung geworden. Mit der Hilfsorganisation selbst bin ich nicht mehr in Kontakt, aber die Reise und die Lektüre haben meinen Horizont sehr erweitert und geprägt.

Nicht aufgeben, dem Leiden nicht das letzte Wort lassen, mit Gott ringen. Das ist für mich der Kern von Spiritualität, die dem Leben dient – so wie Lepsius.