Acht Brillen

Das Kreuz mit dem Kreuz

Sühneopfer oder Solidarität mit den Leidenden?

Volkmar Hamp Von Volkmar Hamp

15 Mai 6 min

Es ist schon ein Kreuz mit dem Kreuz!

Da hängt einer zwischen Himmel und Erde.
Angenagelt an zwei Balken.
Gekreuzigt.
Stirbt einen langsamen, qualvollen Tod.
Für mich, heißt es. Auch für mich.

Ich mache Urlaub in der Toskana.
In San Gimignano, im Foltermuseum, sind sie ausgestellt,
die Instrumente der Qual:
Daumenschrauben und Streckbänke,
ein Galgen, ein elektrischer Stuhl.
Im Garten stehen drei Kreuze.
Folterinstrumente als Touristenattraktion.
Die Sonne scheint.

Die Sonne schien wohl auch damals.
Sie soll sich verfinstert haben von der sechsten bis zur neunten Stunde.
Als könne oder wolle selbst Gott im Himmel nicht mit ansehen, was hier geschieht.
„Eli, eli, lama asabthani. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Das letzte Wort Jesu am Kreuz.
Das einzige, wenn man dem ältesten Zeugen folgt.
Danach noch ein Schrei und der Tod.

Niemand weiß, ob es wirklich so war.
Der Evangelist Markus erzählt es so in seinem Bericht.
Vierzig Jahre danach.
Sein Kollege Matthäus ist ihm darin gefolgt.

Dem guten Lukas war das wohl zu heftig.
Das letzte Wort seines Gekreuzigten:
„Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“
Auf mich wirkt der lukanische Jesus – zumindest hier am Kreuz – mehr als Übermensch, denn als Mensch.
Bittet noch um Vergebung für die, die ihn töten!
Und verspricht dem reuigen Übeltäter an seiner Seite einen Platz im Paradies!

Ganz ähnlich bei Johannes:
Am Kreuz hängend, regelt Jesus noch die Altersversorgung seiner Mutter.
Sein letztes Wort dort: „Es ist vollbracht!“
So wird aus dem leidenden Menschensohn der siegende Gottessohn.
Was für eine Metamorphose!

Kreuz ist Trumpf!

Wir kennen das Ende der Geschichte:
Auferstehung, Himmelfahrt, Jüngstes Gericht.
Da wird der Kreuzgang zum Spaziergang und das Kreuz ein Symbol des Sieges.
Schon bald tritt es seinen Siegeszug an.
Die Kreuzritter malen es auf ihre Fahnen.
Die Kreuzzüge bringen es den Muselmanen.
Lass dich taufen oder stirb!
Wenn’s sein muss, am Kreuz.
Oder auf dem Scheiterhaufen.
Diese Inquisition ist heilig!

Am Kreuz scheiden sich die Geister,
kreuzen sich die Klingen.
Ein Mönch greift zum Hammer, nagelt keinen Menschen, sondern 95 Thesen auf Holz.
Und alles geht drunter und drüber, kreuz und quer.
Religionskriege, Bauernkriege, Dreißigjähriger Krieg.
Protestanten schlagen das Kreuz nun mal anders als Katholiken,
Lutheraner anders als Reformierte.
Und Baptisten schlagen gar kein Kreuz, die bekehren und taufen.

Einig war man sich erst wieder im Tausendjährigen Reich:
Deutsche Christen unterm Hakenkreuz.
Die Baptisten waren auch dabei.
Schließlich ging es gegen die, die – so sagte man – „den Herrn Jesus gekreuzigt hatten“.
Die wurden nicht gekreuzigt, sondern vergast.

Heute erinnern wir uns lieber an die,
die auch in dieser dunklen Zeit ihr Kreuz auf sich nahmen
und dem Mann am Kreuz nachfolgten.
„Kreuzesnachfolge“ nennt man das wohl.
Dietrich Bonhoeffer hat ein Buch darüber geschrieben, bevor er starb.

Und welche Rolle spielt das Kreuz heute noch?
Es thront auf Kirchtürmen.
Es mahnt auf Friedhöfen.
Es kommt als Rotes, Blaues oder Weißes Kreuz daher.
Nach wie vor verbindet es Himmel und Erde.
Als Symbol oder so.
Neuerdings steht es auch für „Ausgeglichenheit“ und „Balance“.

 

Aber welche Bedeutung hat das Kreuz darüber hinaus noch?

Für mich?

Ein altes Lied fällt mir ein.
Von Manfred Siebald.
(Ja, ich gestehe: Ich habe früher Manfred Siebald gehört!)

 

„Das kleine Kreuz an deinem Hals, das trägt sich gut,

nicht so wie das, an dem einst Jesus Schweiß vergoss.

Da ist kein Dreck mehr dran und nichts mehr von dem Blut,

das dort für dich und mich und unsre Schulden floss.“

 

Muss das sein? Diese „Sühneopfertheologie“?


Der Schriftsteller Theodor Weißenborn bringt einen „fatalen Aspekt“ dieser Theologie auf den Punkt. Er schreibt:

„Seit er meinen Bruder kreuzigen ließ, um sich mit mir zu versöhnen,
weiß ich, was ich von meinem Vater zu halten habe.“


Provokativ. Ich weiß.

Doch ich denke schon lange darüber nach, ob diese Theologie zu meinem Gottesbild passt: Sollte Gott wirklich, damit einem abstrakten Gerechtigkeitsbegriff Genüge getan wird, seinen eigenen Sohn opfern müssen, um mir meine Schuld vergeben zu können? Ich weiß nicht ...

Der mittelalterliche Theologe Anselm von Canterbury hat mit seiner „Satisfaktionstheorie“ die populärste Darstellung dieser Anschauung formuliert. Sie besagt:

 

Durch die Sünde vergreift sich der Mensch an Gottes Ehre. Dessen Gerechtigkeit verlangt nach Strafe oder Genugtuung. Gott entscheidet sich für die Genugtuung. Diese aber kann kein Mensch leisten, sondern nur Gott selbst – andererseits muss der sündige Mensch sie leisten. Indem der Gott-Mensch Christus, ohne dazu verpflichtet zu sein, sein Leben opfert, wird die Genugtuung vollzogen. Gott belohnt diese Tat, indem er den Menschen ihre Sünden vergibt.

Logisch klingt das schon.
Wenn man die Voraussetzungen akzeptiert.
Doch Gott ist Liebe – nicht Logik!
Darum bin ich froh, dass das Neue Testament auch andere Deutungen des Kreuzestodes Jesu kennt.

Der Liedtext von Manfred Siebald bringt mich – paradoxerweise – noch auf eine andere Spur:

„Jesus musste in die tiefste Tiefe gehn,
damit wir selbst nicht gehen müssen, du und ich“?


Stimmt das?
Ist das wirklich wahr?
Ist das nicht ein Hohn allen Menschen gegenüber, die auch ihr Kreuz zu tragen haben?
Ist der Tod Jesu am Kreuz von so anderer Qualität als andere Tode und anderes Leid?

Ein unbekannter Autor schrieb zu dieser Frage folgenden Text:

„Am Kreuz hängt nicht nur einer,
am Kreuz hängen viele.
Von Freunden vergessen,
von den Zeitungen verschwiegen,
von Krankheit geplagt,
von Sorgen gequält,
von Langeweile ausgehöhlt,
von Ansprüchen erdrückt,
von Angst erpresst,
von Hass vergiftet.
Am Kreuz hängt nicht nur einer,
am Kreuz hängen viele.
Sollen wir nur von dem einen reden?“

Nein!
Denn in dem einen erklärt Gott sich solidarisch mit den vielen.
Er leidet mit den Leidenden.
Er stirbt mit den Sterbenden.
Er trauert mit den Weinenden.
Und weil er den einen nicht dem Tod überlässt,
sondern ihn auferweckt von den Toten,
dürfen alle anderen, dürfen wir, darf ich hoffen,
dass nicht das Kreuz und der Tod das letzte Wort haben,
sondern die Auferstehung und das Leben.

In dieser Deutung des Todes Jesu ist das Kreuz also ein Symbol der Solidarität Gottes mit den Leidenden – und das leere Grab ein Symbol der Hoffnung auf das Ende allen Leids, auf „Auferstehung“.

„Kreuzesnachfolge“ heißt dann:
Ich lasse mich berühren vom Leid dieser Welt.
Und „Auferstehung“ meint:
Ich vertraue darauf, dass nicht der Tod siegt, sondern das Leben.

Und das gilt nicht nur für den „Großen Tod“, der am Ende auf jeden von uns wartet,
sondern auch schon für die vielen „Kleinen Tode“, die wir jeden Tag sterben:
für Scheitern und Versagen,
für Schuld und Scham,
für Konflikte und Streitereien,
für Dinge, die nicht fertig werden oder nicht gelingen.

 

Für all das gilt (mit Worten aus dem Gedicht „Auferstehung“ von Marie Luise Kaschnitz):

Es ist „geordnet in geheimnisvolle Ordnung, vorweggenommen in ein Haus aus Licht“.

 

 

Zum Weiterlesen:

Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, München 1937.

Marie Luise Kaschnitz, Auferstehung. In: Dein Schweigen – meine Stimme, Hamburg 1962 = Gesammelte Werke 5, 306 (https://www.deutschelyrik.de/index.php/auferstehung-2148.html).