Acht Brillen

Das letzte Mal

Volkmar Hamp Von Volkmar Hamp

24 Jan 4 min

Bildquelle: a_sto / Photocase

„Vielleicht ist es ja das letzte Mal!“ Das sagte meine Mutter neulich, als meine Eltern sich zu Beginn des neuen Jahres daran machten, die Weihnachtsdekoration wieder in die dafür vorgesehenen Kartons zu packen. Meine Mutter ist 86, gebrechlich und müde. Vielleicht war es wirklich das letzte Mal.

Mir fällt eine Szene aus dem Roman „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse ein. Da erzählt eine der Hauptfiguren, Professor Alois Erhart, eine Begebenheit aus seiner Jugend. Wie er seine erste wissenschaftliche Publikation einem von ihm verehrten und vielzitierten Lehrer schickt und von diesem folgende Antwort erhält:

„Was Sie getan haben, ist für mich schmeichelhaft und stellt Ihnen ein gutes Zeugnis aus. Sie haben mich zustimmend zitiert und dabei alle Zitierregeln eingehalten. Was Sie geliefert haben, ist eine perfekte erste Publikation, nach den Spielregeln unseres Betriebs. Aber stellen Sie sich vor, Sie müssten jetzt sterben, und diese Publikation wäre das, was von Ihnen bleibt. Wären Sie dann noch immer damit zufrieden? Haben Sie keine Gedanken, keine Visionen, die weit über das hinausgehen, was Sie zitiert haben? Ist dieser Aufsatz wirklich das, was Sie der Welt mitteilen wollten, das, was nur Sie sagen können, das, was weiterwirken soll, falls Sie keine Gelegenheit mehr haben, noch etwas zu sagen?“

Und dann gibt sein Mentor ihm folgenden Rat:

„Bei allem, was Sie öffentlich sagen, bei allem, was Sie publizieren, müssen Sie von der Vorstellung ausgehen, dies könnten Ihre letzten Worte sein. Bei ihrem nächsten Vortrag – stellen Sie sich vor, Sie wüssten, dass Sie unmittelbar danach sterben müssen – was würden Sie in diesem Fall sagen? Einmal noch können Sie etwas sagen, einmal noch, auf Leben und Tod. Was wäre das?“

Ich denke über diese Szene nach. Und über meine Mutter. Auch wenn mir – nach menschlichem Ermessen – vermutlich noch mehr Zeit bleibt als ihr, vielleicht ist dies heute das letzte Mal, dass ich einen Blogbeitrag schreibe, eine Predigt halte, einem mir nahestehenden Menschen begegne. Vielleicht verabschiede ich mich heute zum letzten Mal von meiner Liebsten. Vielleicht habe ich heute die letzte Gelegenheit, einen Menschen, den ich verletzt habe, um Vergebung zu bitten.

Ich merke, wie solche Gedanken meinem Leben Tiefe und Gewicht geben – Gewicht im Sinne von Bedeutung, zugleich aber auch ein Gefühl der Schwere. Was ist mit all dem Leichten, Seichten, Oberflächlichen, mit dem ich mich doch auch beschäftige, das – wenn ich ehrlich bin – den größeren Teil meines Lebens ausmacht? Ich kann doch mein Leben nicht jeden Augenblick als „letzte Gelegenheit“ leben (Marianne Gronemeyer). Ich kann doch nicht alles, was ich tue, unter dem Gesichtspunkt tun, dass dies vielleicht das letzte Mal ist, dass ich die Gelegenheit dazu bekomme, es zu tun.

Während diese Gedanken mich beschäftigen, lese ich die Geschichte „Rosalie geht sterben“ von Daniel Kehlmann. Darin geht es um die Beziehung der Romanfigur Rosalie zu ihrem Schöpfer, dem Schriftsteller Leo Richter. Rosalie hadert mit der Entscheidung ihres Schöpfers, sie in dieser Geschichte sterben zu lassen. Immer wieder bittet sie den Schriftsteller, diese letzte Episode über ihr Leben nicht zu schreiben, sie am Leben zu lassen. Am Ende erfüllt der Autor ihr diesen Wunsch. Rosalie wird wieder gesund und – wo er schon dabei ist – die Romanfigur wird auch wieder jung und kann ihr Leben noch einmal von vorn beginnen.

Dass Leo Richter damit seine Geschichte ruiniert, sie völlig absurd und unglaubwürdig macht, ist ihm egal. Ihm kommt es vor, als hätte er richtig gehandelt, „als wäre Gnade das Höchste und als käme es auf eine Erzählung weniger nicht an“. Zum Schluss schreibt er dann mit Blick auf sich selbst: „Und zugleich, ich kann es nicht leugnen, kommt mir die absurde Hoffnung, dass dereinst jemand dasselbe für mich tun wird.“

Vielleicht ist das der Schlüssel! Wenn jemand – Gott, ein anderer Mensch – voller Gnade auf mich schaut, mir seine wohlwollende, nichts erwartende, mich immer wieder überraschende Zuwendung schenkt, dann nimmt das für mich den Druck aus dem Satz: „Vielleicht ist es ja das letzte Mal!“

Die Aufforderung: „Einmal noch können Sie etwas sagen, einmal noch, auf Leben und Tod. Was wäre das?“ bleibt Ansporn und Motivation für mich. Die langsame Gelassenheit, mit der meine alt gewordenen Eltern ihre Weihnachtsdekoration wegpacken – nicht wissend, ob sie zum nächsten Weihnachtsfest noch einmal gebraucht wird – bedeutet mir aber sehr viel mehr.

Meine Eltern leben in dem Glauben und in der Hoffnung, dass sie erwartet werden, wenn es Zeit ist zu gehen, dass einer für sie tun wird, was der Schriftsteller Leo Richter in Daniel Kehlmanns Geschichte für seine Romanfigur Rosalie tut. Weil Gnade des Höchste ist.

Darauf hoffe auch ich.

  

Literatur:

Marianne Gronemeyer, Das Leben als letzte Gelegenheit. Sicherheitsbedürfnisse und Zeitknappheit. Darmstadt 2013.

Daniel Kehlmann, Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten. Reinbek bei Hamburg 2009.

Robert Menasse, Die Hauptstadt. Berlin 2017.