Acht Brillen

DingDong

Es klingelt an meiner Haustür.

Vor ein paar Tagen sind wir in unser eigenes Haus gezogen. Viele Kisten stehen unausgepackt um mich rum. Von einigem da drin weiß ich noch nicht, an welchem Platz es hier gehört. Anderes wartet nur darauf, an den ganz bestimmten Platz angeschraubt oder hingetragen zu werden. Doch vorher muss entweder noch die Fußleiste angebracht werden oder der Kistenstapel weggeräumt werden. Immer ist etwas im Weg oder etwas Anderes ist wichtiger und muss erst erledigt werden. 

Und so chaotisch es hier aussieht, ist es auch in mir drin. Die letzten Wochen waren unglaublich voll. Die Arbeiten im neuen Haus und auch in der alten Wohnung. In der Arbeit ist Endspurt mit den aktuellen Freiwilligen und neue Freiwillige bewerben sich für den kommenden Jahrgang. 
Dazu noch der Eineinhalbjährige, der volle Aufmerksamkeit fordert, und das Ehrenamt in der Gemeindeleitung. 

Alles macht viel Freude und fordert doch derzeit unglaublich viel Zeit. Es gibt kaum eine ruhige Minute.

Doch diese brauche ich jetzt. Die ruhige Minute. Gut, dass meine Frau mit dem Kleinen unterwegs ist. Richtig Lust, das Chaos aufzuräumen, habe ich nicht. Da sehe ich die Bibel auf dem Küchentisch liegen. Ich setze mich und schlage das Lukasevangelium auf. Bei Lukas 9, 57ff. bleibe ich stocken: Jesus steht am Anfang seiner Mission und beruft seine Jünger. Darunter sind auch Menschen, die Jesus nachfolgen wollen. Aber sie haben entweder noch ein paar Fragen und brauchen Sicherheit: „Wo werden wir schlafen?“. Oder sie haben noch wichtige Dinge zu erledigen, wie eine Beerdigung des Vaters oder das Abschiednehmen von der Familie. Jesus reagiert hart und abweisend. Er hat nicht die Geduld, wie ich sie mir wünsche. Er bügelt Nachfragen ab und gibt keine Chance zum Abarbeiten der wichtigsten To-dos. 

Und gedanklich steige ich mit ein. 
Es ist, als ob es da auf einmal an meiner Haustür klingelt.

Ding Dong. 

Und nicht irgendwer ist da. Es ist Jesus. Er will gar nicht reinkommen, sondern mich eigentlich nur abholen. Los geht‘s. Jetzt. Nachfolge! Auf durch die Welt. Alles soll ich hinter mir lassen. Das ganze Chaos. Meine Familie. Die Freiwilligen. Die Gemeinde. Jesus ist da und will, dass ich ihm folge. Mit ihm auf dem Weg sein. Der große Aufbruch ist jetzt.

Halt!! Stopp!! Das ist mir zu radikal. Das will ich nicht. Ich will nicht alles einfach so hinter mir lassen. Ich will nicht die Menschen und die Aufgaben, die mir aufgetragen sind, verlassen. 

Mir ist Jesu Berufung in dem Lukas-Text zu radikal. Da kann die Vision von ihm und die Begeisterung noch so groß sein. Ich würde vermutlich nicht mitgehen, wenn er an meiner Tür klingeln würde.

Stattdessen habe ich den Wunsch, ihn hereinzubitten.

„Hey Jesus, wie wunderbar, dass du da bist! Komm doch rein. Hier ist es zwar total chaotisch in meinem Haus und meinem Leben. Aber wenn du damit klarkommst, bist du herzlich willkommen. Tee oder Kaffee? Oder trinkst du lieber Wein? Komm, lass uns quatschen. Ich habe da einige Fragen. Zum Beispiel: Wie meinst du das eigentlich mit der Nachfolge? Meinst du es wirklich so, wie du es den Jüngern damals gesagt hast: ‚Wer zurückblickt, den kann Gott nicht gebrauchen.‘ (vgl. Lukas 9, 62)?
Das verstehe ich nicht. Weißt du, Jesus, ich habe eigentlich den Eindruck, du brauchst mich genau an diesem Ort hier. In der Familie. In der Arbeit. In der Gemeinde. In allem, wo ich bin und wie ich bin. Hier will ich nach bestem Wissen und Gewissen nach deinen Maßstäben leben und mich für dich einsetzen. Wie kannst du dann wollen, dass ich all dies zurücklasse und mit dir in eine Ungewissheit ziehe? Brauchst du mich nicht hier?“

Und dann vertraue ich darauf, dass Jesus nicht an der Türschwelle zurückschreckt und weiterziehen möchte. Ich hoffe darauf, dass er reinkommt. Sich hinsetzt und mit mir bespricht, was anliegt. Oder auch direkt mit anfasst, das Chaos zu beseitigen und Ideen für die Gemeindearbeit und die Gespräche mit den Freiwilligen schenkt. Mir zeigt, wie ich ein gutes Vorbild sein kann. Und einfach Alltag mit mir teilt.

Ding Dong. Es klingelt.

Ich werde aus dem Tagtraum gerissen und es klingelt tatsächlich an der Tür. Doch nicht Jesus ist da – sondern der Fliesenleger. Während er die Restarbeiten im Flur macht, koche ich Kaffee. Ich freue mich, dass ich nachher das Schuhregal aufbauen kann und so Kisten aus dem Weg geräumt werden können. Der Fliesenleger und ich unterhalten uns nett. Nicht tiefgründig und doch begegnen wir miteinander und im Gegenüber vielleicht ja auch Jesus…