Acht Brillen

Gastfreundschaft

Das Fremde lieben

Volkmar Hamp Von Volkmar Hamp

16 Aug 2 min

Bild zu dem Beitrag Gastfreundschaft
Bildquelle: Volkmar Hamp

 

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht;

denn durch sie haben einige,

ohne es zu ahnen,

Engel beherbergt.“

(Hebräer 13,2)

 

Dieser Vers steht im Schlusskapitel des Hebräerbriefes in einer Reihe von mahnenden Zusprüchen, wie sie sich häufig am Ende der neutestamentlichen Briefe finden.

Da geht es zunächst um die philadelphía (Hebr 13,1), die „brüderliche Liebe“ (Luther) oder „Geschwisterliebe“, wie die „Bibel in gerechter Sprache“ übersetzt. Diese Liebe, schreibt der Verfasser des Hebräerbriefes, soll bleiben, dauerhaft sein, sich immer mehr festigen.

Dann folgt unser Vers. Und der hat es in sich! Für „Gastfreundschaft“ steht hier nämlich im Griechischen das Wort philoxenía, wörtlich übersetzt: „Fremdenliebe“ (von philía – „Liebe, Freundschaft“ und xénos – „Fremder, Gast“). Das ist doch deutlich mehr und vieles anderes, als unser Wort „Gastfreundschaft“ ausdrückt!

Seine Freunde und Freundinnen zum Grillen oder Fußballgucken einzuladen ist noch keine Gastfreundschaft im neutestamentlichen Sinne. Das ist eher Ausdruck der philadelphía, der Geschwisterliebe. Gastfreundschaft meint nicht, für Verwandte, Freunde und Bekannte ein offenes Haus zu haben, sondern Fremde willkommen zu heißen. Und – weitergedacht – auch das Fremde willkommen zu heißen! Es nicht als Bedrohung zu erleben, sondern als Bereicherung.

Die besondere Hochschätzung der Gastfreundschaft in der klassischen Antike, im Alten wie im Neuen Testament, im Judentum und im Christentum sowie in vielen anderen Kulturen und Religionen ist reich bezeugt. Im Orient ist sie heute noch sprichwörtlich! Dem Gast werden nicht nur Nahrung und Unterkunft gewährt, sondern alles, was das Haus zu bieten hat. Der juristisch rechtlose Fremde wird in die Hausgemeinschaft aufgenommen und genießt für die Zeit seines Aufenthalts den Schutz der ihn beherbergenden Familie.

Der Verfasser des Hebräerbriefes ermutigt uns also, nicht nur unsere (Glaubens-)Geschwister zu lieben, sondern auch die Fremden. Jene, die uns noch unbekannt sind. Jene, mit denen wir auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, außer dass sie – wie wir – Menschen sind. Er tut dies, weil er weiß: Wenn Menschen einander auf diese Weise freundlich begegnen, kann es geschehen, dass plötzlich der Himmel die Erde berührt und sie einander zu „Engeln“ werden, zu Boten der Freundlichkeit Gottes.

Natürlich denken Schreiber und Leser*innen des Hebräerbriefs in diesem Zusammenhang an die Geschichte vom Besuch der drei unbekannten Männer bei Abraham und Sarah in Mamre (Gen 18,1-15): wie Abraham den dreien entgegenläuft und sich vor ihnen verbeugt, wie er sie einlädt, sich bei ihm niederzulassen, wie er ihnen ein reichhaltiges und delikates Mahl zubereiten lässt und sie dann höchstpersönlich bei ihrer Mahlzeit bedient.

Das, was dort erzählt wird, dass Gott inkognito unter den Menschen wandelt, wird im Hebräerbrief übertragen auf unser alltägliches Leben. Es kann sein, dass wir, wenn wir dem Fremden die Gastfreundschaft verweigern, Gott selbst wegschicken. Es kann sein, dass Gott uns gerade in dem begegnet, was uns fremd ist. Und mit dem Fremden meine ich jetzt nicht nur fremde Menschen, sondern auch fremde Ideen und Gedanken, Sprachen, Bräuche und Traditionen.

Was wir brauchen, um auf solche Weise Gastfreundschaft (= Fremdenliebe) zu leben, sind Einfühlungsvermögen und Respekt. Dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus dann bei uns keinen Raum mehr haben, versteht sich von selbst!