Acht Brillen

Knie

Volkmar Hamp Von Volkmar Hamp

20 Sep 3 min

Seit ein paar Wochen habe ich Knie. Nicht nur ein bisschen, sondern richtig. Ein paar Tage musste ich sogar an Krücken laufen, weil ich das linke Bein einfach nicht belasten konnte. So weh hat es getan. Inzwischen ist es wieder ein bisschen besser, aber noch lange nicht gut. Ein MRT-Termin steht an – und dann mal schauen, was der Orthopäde sagt ...

Mitten in dieser Erfahrung fällt mir ein Vers aus dem ersten Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth ein:

 „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit,
und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ (1 Kor 12,26)

Ob Paulus da aus eigener, leidvoller Erfahrung spricht? Jedenfalls hat er Recht! Es ist tatsächlich nicht nur das Knie, das wehtut. Der ganze Körper, sogar die Seele ist in Mitleidenschaft gezogen. Die einseitige Belastung geht auf Hüfte und Rücken. Vom Laufen an den Krücken tun auch die Arme weh. Die Schmerztabletten schaden dem Magen. Und der permanente Schmerz bei jedem Schritt schlägt ganz schön aufs Gemüt.

Genau so, sagt Paulus, ist es auch mit der Gemeinde. Die beschreibt er mit dem Bild vom „Leib Christi“ (vgl. 1 Kor 12,1-31). So wie bei einem Körper jedes Glied, jedes Organ mit allen anderen verbunden ist und eine bestimmte Aufgabe oder Funktion hat, so ist auch in der Gemeinde jeder Mann, jede Frau und jedes Kind ein Teil des Ganzen und hat seinen bzw. ihren Platz, seine bzw. ihre Funktion. Jede*r ist wichtig. Jede*r wird gebraucht. Und wenn ein Glied am Leib Christi leidet, wenn es seine Funktion nicht erfüllen kann, wenn es ausfällt, dann hat das Auswirkungen auf den ganzen Körper, auf die ganze Gemeinde.

Es mag sein, dass das nicht immer und überall gleich zu spüren ist. Meine Finger funktionieren – trotz Schmerzen im Knie – noch einwandfrei, so dass ich diesen Text schreiben kann. Und die Knieschmerzen selbst sind – dank Ibuprofen – inzwischen so erträglich, dass ich mich auch auf das Schreiben konzentrieren kann.

Aber was, wenn das mal nicht mehr so ist? Wenn der Schmerz in einem Körperteil so groß wird, dass er alles andere überstrahlt und gar nichts mehr geht? Was, wenn ein Glied den Dienst versagt und komplett ausfällt? Was dann?

Auch dann hört dieser Körper nicht auf, mein Körper zu sein! Übertragen auf die Gemeinde: Auch der leidende, der geschundene Körper der Kirche ist „Leib Christi“. Vielleicht gerade der! Hier ans Abendmahl zu denken liegt nahe und ist vermutlich von Paulus so gewollt. Im vorhergehenden Kapitel zitiert er die Einsetzungsworte Jesu zum Brotbrechen: „Das ist mein Leib für euch“ (1 Kor 11,24) – der gebrochene, der zerschundene, der leidende Leib Christi.

Die Kirche ist gerade dadurch „Leib Christi“, dass sie das Leid, die Schmerzen und den Tod nicht ausklammert, sondern spürt, aushält, mitleidet. Und das nicht nur im Blick auf ihre eigenen Glieder, sondern stellvertretend für die ganze Schöpfung, die sehnsüchtig und schmerzerfüllt darauf wartet, dass die Kinder Gottes als mitleidender „Leib Christi“ sichtbar werden in dieser Welt (Röm 8,18-23).

„Ich bin der Herr, dein Arzt“, sagt Gott zu seinem Volk (2 Mo 15,26). Und mit dem schönen, alten Wort „Heiland“ werden in der Bibel sowohl Gott als auch Jesus bezeichnet (vgl. z.B. Ps 17,7; Jes 43,11; Lk 2,11; 2 Tim 1,10 u.ö.). Unsere große Hoffnung ist, dass eines Tages alles Leid ein Ende hat. Gott wird alle Tränen abwischen, „und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein“ (Offb 21,4). Doch bis es so weit ist, heißt „Leib Christi“ zu sein, bei den Leidenden zu sein. Ihren Schmerz zu spüren, ihnen in ihrer Trauer beizustehen und sie in ihrer Not nicht allein zu lassen.