Acht Brillen

Licht, bitte!

Udo Rehmann Von Udo Rehmann

11 Apr 3 min

Endlich wieder Sommerzeit. Endlich ist es abends wieder länger hell. Ich liebe diesen Augenblick, wenn die Uhren umgestellt werden, und die Sonne später hinter dem Horizont verschwindet. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich einmal mit meiner Mutter am Küchenherd stand und wir die Zeit von zwei Uhr auf drei Uhr gestellt haben. Ich war noch sehr klein und wusste noch nicht, dass es keinen Einfluss auf das Raum-Zeit-Gefüge hat, wenn man einfach vor dem ins Bett gehen die Uhr umstellt. Und meine Mutter wollte bestimmt einfach nur wach bleiben, um die Uhr genau um zwei Uhr umzustellen. Sie war nämlich ein Nachtmensch.

Ich bin ein Tagmensch. Ich liebe die langen Tage mehr als die kurzen. Ich bin kein Lichtjunkie, aber gerade in den letzten Jahren merke ich deutlich, dass ich es unglaublich genießen kann, wenn der Tag kein Ende zu nehmen scheint. In der dunklen Jahreszeit schreit alles in mir: Licht, bitte!

Dass die Zeitumstellung nichts damit zu tun hat, wie viele Stunden am Tag es hell ist, weiß ich. Aber mir spielt die Zeitumstellung in die Karten. Für mich kommt so über das Jahr gesehen am meisten Tageslicht dabei heraus. Denn ich fange nie den frühen Wurm. Habe ich durchaus versucht. Frustriert mich aber und vor allem meine Familie. Deswegen habe ich persönlich nichts davon, wenn es schon um drei Uhr morgens im Sommer hell wird, aber mir gibt es Energie, bis spät abends ohne Taschenlampe draußen sitzen zu können.

Am Ende wird es Geschmacksache sein (ob nun MEZ oder MESZ), getarnt hinter rationalen Argumenten, und ich werde mich fügen (müssen). Ich würde nämlich alles so lassen wie es ist.

Das Thema Licht zieht sich durch die ganze Bibel. So sehr, dass sich Gott selbst in Jesus Christus als das Licht der Welt beschreibt. Mir ist aufgefallen, dass das Licht ein großer Spannungsbogen zwischen den Buchdeckeln der Bibliothek, die wir Gottes Wort nennen, ist.

Gottes erste Worte waren: „Es werde Licht!“. Gott lässt zuerst das Licht werden. Ich bin davon überzeugt, dass es nicht von ungefähr kommt, dass der Schöpfungsbericht mit dem Lichtwerden beginnt. Der Tagesanbruch, der Morgen, das Lichtwerden ist in den biblischen Schriften ganz oft damit verbunden, dass die Menschen in besonderer Weise mit Gottes Heil, seiner Gerechtigkeit, seinem Eingreifen und seiner Gnade gerechnet haben. Das Lichtwerden des Tages hat dem Menschen Hoffnung gemacht, dass Gott an diesem Tag erneut oder ganz neu handeln wird. So beginnt Gottes Handeln am Beginn der Bibel damit, dass er es Licht werden lässt.

Und am Ende der Bibel? Johannes sieht das neue Jerusalem. In dieser Stadt bedarf es keiner Sonne und keines Mondes mehr, weil Gott selbst die Stadt erleuchtet. Licht, bitte! Auf einmal ist es keine Hoffnung auf Gottes Heilshandeln mehr, die sich mit dem Tagesanbruch, dem Lichtwerden verbindet, sondern der gnädige, rettende, gerechte Gott ist selbst ganz real anwesend und erfüllt alles mit seiner Herrlichkeit.

Ich bin mir sicher, dass es Bildersprache ist. Ich stelle mir Gott jedenfalls nicht als wandelnde Flutlichtanlage vor, die jede dunkle Ecke ausleuchtet. Aber im übertragenen Sinn bedeutet es für mich: Wo Gott ist, da wird es hell, da ist Licht! Dieser Lichtstrahl zieht sich durch die ganze Heilige Schrift. Alles Undeutliche und Blasse bekommt Kontur und Farbe. Ich kann mich als Mensch selbst erkennen. In all den Farben, die Gott sich für mich erdacht hat. Egal wie dunkel mir auch alles erscheinen mag, bei Gott bleibt meine Finsternis nicht finster. Für ihn leuchtet mein Leben auch, wenn ich gerade einmal nicht den Lichtschalter finde und klarsehe. Ich muss mich auch nicht mehr selbst in Szene setzen, sondern darf in Gottes Licht strahlen. Und er ist für mich. Das entlastet, stärkt mich sogar. Vielmehr noch als eine ordentliche Ladung Vitamin D.

Deswegen liebe ich die langen Tage mehr als die kurzen. Denn das Licht erinnert mich daran, wie Gott vom Anfang bis zum Ende einen Bogen der Treue, Zuwendung, Erleuchtung und Gnade über meinem Leben spannt, wenn er sagt „Licht, bitte!“