Acht Brillen

Machtfasten

Weil das Evangelium nichts mit Machtstrukturen zu tun hat

Simon Werner Von Simon Werner

07 Mär 3 min

Fasten - Brot und Wasser
Fasten - Brot und Wasser

Ich bin eigentlich ein optimistischer Mensch – glaube ich. Und mich faszinieren kreative Gedanken, das Evangelium in dieser Welt auszubreiten. Über so etwas denke ich auch selbst gern nach und diskutiere es gern mit anderen.

Aber in den letzten Wochen überkam mich zweimal eine grundlegende Enttäuschung über Kirche:

Der Houston Chronicle hat etwas über sexuellen Missbrauch in der Southern Baptist Convention veröffentlicht und im Vatikan fand zum gleichen Thema eine Konferenz der leitenden katholischen Bischöfe statt. Beides in höchstem Maße ernüchternd. Ich bin aufgewühlt. Vielleicht ist es auch so eine Art Gerechtigkeitsohnmacht. Zum Verzweifeln – wieder einmal. Wieder steht Kirche für das Gegenteil ihrer eigentlichen Botschaft.

Und nein, es sind nicht nur die anderen, es liegt nicht nur am katholischen Zölibat, es ist nicht nur eine besondere Art der Verkniffenheit. Es ist überall. In einem Ausmaß, dass sprachlos macht. Hunderte, Tausende, Zehntausende Opfer. Vielleicht noch viel mehr…

Wer soll denn in Gottes Namen dem Evangelium vertrauen, dass diese Kirche verkündigt? Menschen müssen doch geradezu verrückt sein, nicht vor der Unglaubwürdigkeit wegzulaufen. Und wie sollen wir, denen der Glaube etwas bedeutet, Worte finden, die einen liebenden Gott beschreiben und gleichzeitig das Leid der Opfer nicht verhöhnen? [Hier muss eine ganz lange Nachdenkpause eingelegt werden…]

 

Gestern war Aschermittwoch und die Fastenzeit begann. Sie soll eine Zeit voller Konzentration auf das Leiden Jesu sein. Mitgehen, bis nach Gethsemane. Mitgehen, bis nach Golgata. Mitgehen bis ans Ende und ohne Sprache und ohne Macht dastehen. Unter diesem Kreuz. Manchmal gelingt es mir mehr und manchmal weniger, die Fastenzeit mit Konzentration auf den leidenden Christus zu füllen.

Aber was ist das für ein Weg in die Zukunft? Was ist das für ein Weg unter das Kreuz? Das hört sich so fromm an und in keinem Gottesdienst wäre diese Formulierung anstößig. Aber sie ist es. Der Weg unter das Kreuz ist ein Weg, auf dem alle Selbstüberzeugtheit und Selbstgerechtigkeit verloren geht. Was ich alles richtig gemacht habe. Was ich alles richtig verstanden habe. Es ist unwichtig und wird immer unwichtiger auf dem Weg zum Kreuz. Das Kreuz ist eine Zumutung für mich. Es ist eine Zumutung für meine Eitelkeit. Auf dem Weg zum Kreuz werden meine Hände leer. Ich kann nichts mitbringen.

Der Weg unters Kreuz ist aber auch eine Entlastung. Ich brauche nichts mitzubringen. Ich kann gehen, ohne Lasten zu tragen. Ohne die Lasten meiner Eitelkeit und meiner Selbstbehauptung erahne ich die Freiheit, die das Evangelium meint. Ich gehe auch ohne die Lasten der Ansprüche anderer an mich. Niemand darf Macht über mich ausüben, nicht körperlich, aber auch nicht geistlich. Und ich will selbst auch Machtfasten.

Die großen Nachrichten rund um die Unglaubwürdigkeit der Kirche, von denen ich oben geschrieben habe, haben Gründe: Kirche war und ist mit extrem viel Macht ausgestattet. Organisatorische und institutionelle Macht, aber vor allem Macht über die Lebensdeutung von Menschen. Und diese Macht führt zur Unfreiheit von einzelnen Menschen über sich. Das ist nicht nur ein Phänomen der Vergangenheit, sondern es geschieht auch heute und hier.  

Die Freiheit aus dem Evangelium ist etwas anderes. Paulus ruft den Galatern zu: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ (Gal 5,1) Die Galater waren regelhörig in ihrer Glaubenspraxis und wollten nur nichts falsch machen. Sie meinten, wenn sie sich an ganz bestimmte Riten und Regeln halten, dann sei ihr Glaube ein guter Glaube. Mit Leidenschaft schreibt Paulus dagegen an: Glaube bedeutet Freiheit und kein Korsett aus (Glaubens-)Regeln und missbräuchlichen Machtstrukturen. Glaube bedeutet Freiheit zum Menschsein.

Diese Freiheit ist bedrohlich für eine Institution. Diese Freiheit ist bedrohlich für Machtansprüche und Machtstrukturen. In dieser Freiheit können Menschen sich nicht gegenseitig das Leben deuten und Vorschriften machen. In dieser Freiheit liegt die Zumutung an die Institution und deren handelnde Personen, machtlos zu sein. Deshalb sind in den Kirchen rund um die Welt deutliche Korrekturen notwendig. Macht über Menschen zu bekommen, hat nichts mit der Freiheit des Evangeliums zu tun.

Der Weg der Fastenzeit kann auch weg von Machtstrukturen in der Kirche führen. Machfasten. Auf dem Weg unter das Kreuz werden die Hände leer. Und auch die Fesseln, die andere Menschen mir gern anlegen wollen, verschwinden.

Der Passionsweg Jesu ist ein selbstgewählter. Gott geht in Freiheit zum Kreuz. Unser Weg durch die Fastenzeit ist die Freiheit, uns diesem Gott anzuschließen (Lk 9,23). Die Macht von Menschen kann uns nicht daran hindern oder uns irgendwelche Glaubensvorschriften machen. Wir sind frei, den Machtstrukturen zu widersprechen wo es notwendig ist (Lk 1,51f).