Acht Brillen

Theologie vom Bordstein aus

Simon Werner Von Simon Werner

27 Sep 3 min

In meinem Text „Selbst wenn es arabisch gewesen wäre“ habe ich auf Lk 10,36f verwiesen mit der Behauptung, Jesus sage hier „Mach dir Gedanken, wie du über deinen Nächsten denkst“.

Eigentlich heißt es dort: „36 Was meinst du: Wer von den dreien ist der Nächste des unter die Räuber gefallenen geworden? 37 Er [der Schriftgelehrte] sprach: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!“

Barmherziger Samariter. Altbekannt und vielleicht doch überraschend. Ich glaube, Jesus will den Schriftgelehrten mit dieser Geschichte nicht zum Helfen auffordern. Sondern vielmehr will er von ihm, dass er sich Gedanken darüber macht, wie er über seine nächste Person denkt.

Der Reihe nach:

Die Formulierung in V36 hat schon Generationen von Bibelauslegern verwirrt – diese Frage ist nämlich etwas „verdreht“. In V29 hatte der Schriftgelehrte gefragt „Wer ist mein Nächster?“. Jesus gibt aber gerade nicht die Antwort „Der Überfallene ist dein Nächster. Geh und hilf ihm! Zeig ihm deine Nächstenliebe!“ Der Schriftgelehrte hatte ja noch sein eigenes Schriftzitat im Kopf: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.“ (Lev 19,18)

Vielmehr dreht Jesus die Bezüge: Aus dem Objekt wird jetzt ein Subjekt. Die oder der Nächste ist nicht ein von mir zu behandelnder Mensch, sondern es handelt jemand in Bezug auf mich und wird mir so zur oder zum Nächsten. Die Perspektive, die Jesus hier wählt, ist die Perspektive des Überfallenen. Er schaut wehrlos und am Boden liegend in die Welt und erfährt, was auf ihn zukommt. Erst waren es die Schläge und die Tritte und jetzt ist es die Hilfe. Diese Perspektive soll der Schriftgelehrte einnehmen – unten am Boden liegend, wehrlos, hilfebedürftig. Und von da aus soll er nach dem Nächsten fragen und sehen, wer da auf ihn zukommt. Theologie vom Bordstein aus.

Siehe da – es kommt der Samariter. 

Nun könnten wir meinen, es ist nichts einfacher als die Person zu lieben, die mir in lebensbedrohlicher Situation hilft. Nein, nein…

Juden und Samariter sind eigentlich aus dem einen Ursprung Israel, haben sich aber auseinandergelebt. 926 v. Chr. trennten sich Juda und Israel in zwei Königtümer und in immer härter werdenden Vorwürfen missbilligten sie einander.

Der Verletzte in unserem Text ist Jude, Vertreter des alten Südreiches Juda. Der Samariter ist Vertreter des alten Nordreiches. Der schärfste Vorwurf der Juden gegenüber den Samaritanern: „Ihr glaubt nicht richtig, weil ihr damals ein eigenes, ein falsches(!) Heiligtum auf dem Garizim hattet und nicht in Jerusalem. Ihr seid nicht von uns. Euer Glaube ist nicht unser Glaube. Ihr seid falsch. Wir sind richtig.“

1000 Jahre Abgrenzung und Anfeindung verdichten sich in dieser Geschichte in Blicken und Gesten, in Verunsicherungen und Projektionen. Das ist dem Schriftgelehrten alles bewusst – er ist ja schließlich kein Dummer.

Er soll sich also in Gedanken auf den Boden legen, mit furchtbaren Schmerzen ringen und dann soll er überlegen, was da gerade passiert. Was passiert, als Priester und Levit vorbei gehen? Und was passiert als der Samariter – der verhasste Samariter – einfach nicht vorbeigehen will. Nein, er kommt auf ihn zu.

Wäre er unverletzt, würde er einmal kräftig auf den Boden spucken und sich mit zur Schau getragenem Selbstbewusstsein abwenden. Weder das eine noch das andere ist gerade möglich – der Überfallene kann dieser Situation nicht entkommen. Der Schriftgelehrte soll sich in seiner Gedankenreise damit auseinandersetzen, dass er die Hilfe des verachteten Samariters über sich ergehen lassen muss. Er soll Theologie vom Bordstein aus entwickeln.

Er kommt auf Dich zu, auf den Du nie zugehen würdest.
Er hilft Dir, dem Du nie helfen würdest.
Er überwindet den Graben, den Du nie überwinden würdest.
Er spricht mit Dir, obwohl Du nie mit ihm sprechen würdest.

Liebe ihn! Er ist Dein Nächster! Es könnte so einfach sein.

In Wirklichkeit ist es aber sehr schwierig. Denn Jesus nötigt den Schriftgelehrten dazu, über seine Vorurteile nachzudenken. Er nötigt ihn, etwas beschämt leise zu sein. Er nötigt ihn, zu hinterfragen, was für ihn eigentlich immer galt – dass die Samariter dumme und verachtenswerte Falschgläubige seien.

Jesus nötigt den Schriftgelehrten zu einem noch viel größeren gedanklichen Bogen, denn der hatte ja ursprünglich gefragt: „Wie kann ich ewiges Leben ererben?“ Auf diese Frage ist die Nächstenliebe die Antwort. Auf diese Frage findet der Schriftgelehrte ausgeraubt und verwundet am Boden im Gegenüber zu dem helfenden Samariter die Antwort: Mach Dir Gedanken, wie Du über Deinen Nächsten denkst. Die Nächstenliebe ist von dem ewigen Leben nicht zu trennen.

Und ich?