Acht Brillen

Udo

Von Jason Querner

18 Jul 3 min

Ich weiß noch, dass ich Udo vor ein paar Jahren nur für einen ziemlich schrägen und vor allem abgewrackten Typen hielt. Doch seit seinem ersten MTV Unplugged Konzert bin ich auf ihn aufmerksam geworden. Ich staunte, welche coolen und guten Musikerinnen und Musiker er für sein Konzert versammelte und mir gefielen die Melodie und der Groove in vielen seiner Lieder. Und irgendwie, nach und nach, wurden mir die Texte immer bedeutender. Neben seinem Image des rauchenden, trinkenden und feiernden Panik-Rockers schlägt Udo Lindenberg in den letzten Jahren viele leise und nachdenkliche Töne an. In einem Lied singt er, er sei gar nicht der Typ, den jeder in [ihm] sieht“, eigentlich sei er ganz anders und das werde er uns „bei Zeiten auch alles noch beweisen.“(a)

Udo lässt die Schattenseiten des Lebens nicht aus, er betont sie sogar. „Denn so‘n blaues Auge gehört ja irgendwie dazu.“(b) Es geht eben „nicht immer geradeaus, manchmal geht es auch nach unten.“(c) Er singt vom Scheitern, von aufgebrauchten Träumen, von Einsamkeit (d) oder einfach nur vom monotonen Alltag fern ab des für die Öffentlichkeit polierten Ichs. Mit seinem Blick auf die Realität des Lebens, holt Udo mich ab: „Gerade, wenn du denkst, es kann nicht besser kommen, trifft dich 'n linker Haken [und du] knallst auf den Beton.“(e)

Doch an diesem Punkt bleibt er nicht stehen. Er macht Mut, gibt Hoffnung und zeigt eine Perspektive auf: „Was dich runterzieht, ey, ich zieh dich wieder rauf. Ich trag dich durch die schweren Zeiten. So wie ein Schatten werd‘ ich dich begleiten.“(c) Ein wiederkehrender Gedanke ist die Gemeinschaft, das Gegenüber. Niemand muss seinen Weg alleine gehen: „Wenn du durchhängst, gibt’s nicht Stärkeres als uns zwei, wir halten fest zusammen.“(f) Für mich ist das ein zutiefst christlicher Gedanke, den anderen oder die andere nicht alleine zu lassen, wenn das Leben entgleitet oder einfach nur öde ist. Denn letztlich ist Das Leben  ein wertvolles Geschenk und Menschen ein Wunder. (g)

Letztens auf seinem Konzert habe ich erlebt, dass ich nicht der Einzige bin, dem er aus der Seele zu sprechen scheint. Lautstark sang die Masse bei seinen Liedern Plan B und Mein Ding  mit. Udo thematisiert, wie schnell man sich von den Erwartungen anderer abhängig macht und betont, dass er sich davon freigestrampelt hat. Er weiß um seine Eigenarten, bezeichnet sich als „Ufomann(h). Das ist vielleicht der Punkt an dem sich viele mit ihren Eigenarten wiederfinden und beherzt mitsingen. Er geht seinen Weg, nicht den der anderen: „Und ich werde mich nicht ändern, werd‘ kein anderer mehr sein. Ich habe tausend Pläne, der von euch ist nicht dabei.“(h) Und gleichzeitig wird einem klar, dass jemand, der so sehr betont, „ich mach mein Ding, egal was die anderen sagen“(i), sich eben doch (noch) nicht unabhängig gemacht hat und mit sich kämpft. Das singt er dann auch: „Ich werde mich nicht ändern, werd' kein anderer mehr sein, weil's eh schon schwer genug ist einfach nur ich zu sein.“(h) Gerade die Mischung aus Selbstbewusstsein und Zerbrechlichkeit macht ihn mir sympathisch.

Zusätzlich nutzt Udo seine Bühne, um auf Ungerechtigkeiten in der Welt aufmerksam zu machen. Er singt gegen den Krieg (j) und für den Frieden (k). Er solidarisiert sich mit Greta Thunberg und der Fridays for Future Bewegung. Mit seiner Stiftung hilft er z.B. Menschen in Kenia. Und bei einigen Liedern setzt er sich so intensiv mit Gott, Sterben und dem Tod auseinander, dass man meinen könnte, er glaubt an Gott und ein Leben nach dem Tod. Zumindest schließt er beides nicht aus. (l)(m)(n)

Damit bringt mich Udo zum Staunen und Nachdenken über Gott und seine Welt, über das Leben mit seinen vielen Facetten und er hilft mir in der Auseinandersetzung mit mir und meinem Leben. Vielleicht hörst du dir das eine oder andere Lied von ihm an und findest dich auch darin wieder.

 

 

Auf diese Lieder habe ich mich bezogen bzw. sie zitiert:

(a) Ganz anders (feat. Jan Delay)

(b) Blaues Auge

(c) Durch die schweren Zeiten

(d) Der einsamste Moment

(e) Muss da durch

(f) Wenn du durchhängst

(g) Das Leben

(h) Plan B

(i) Mein Ding

(j) Wozu sind Kriege da

(k) Wir ziehen in den Frieden

(l) Ich zieh meinen Hut

(m) Interview mit Gott

(n) Stark wie zwei

Es gibt auch Lieder und Texte von Udo, die ich gar nicht gut finde.
Eine Liste davon erspare ich euch.