Acht Brillen

Vergessen

Mirko Thiele Von Mirko Thiele

29 Nov 4 min

Mein Onkel hat neulich bei einem Besuch einer entfernten Verwandten ein uraltes Foto zutage gefördert. Darauf ist mein Opa als kleiner Junge zu sehen. Mit seinen Eltern und seiner Oma. 

Meinen Opa kenne ich ganz gut und über sein Leben weiß ich auch einiges. Manchmal hat er etwas über seine Eltern erzählt, also meine Urgroßeltern. Aber ihre Namen weiß ich ehrlich gesagt nicht. Und über meine Ur-Ur-Großmutter hatte ich noch nie nachgedacht, bis ich sie auf dem Foto gesehen habe. Das ist meine eigene Familie! Und vier Generationen sind nicht einmal besonders viel. Trotzdem, abgesehen von der Tatsache, dass wir ohne sie nicht existieren würden, spielen diese Menschen keine Rolle mehr. Vier Generationen scheinen zum Vergessen völlig auszureichen. Wenn man keine eigene Familie hat, geht das vermutlich noch schneller. Dann muss man schon Außergewöhnliches leisten, um nicht vergessen zu werden. 

Wenn ich nach Dawson City (Kanada) komme, besuche ich gerne das Grab von dem Jesuitenpriester Father William Judge. Während des Klondike-Goldrausches ab 1897 kam er nach Dawson City und hat eine Kirche und das erste Krankenhaus gebaut. Vielen Menschen, die von den harten Lebensbedingungen während des Goldrauschs in einer so abgelegenen und kalten Gegend Skorbut, eine Lungenentzündung oder ähnliches bekamen, rettete sein Krankenhaus das Leben. Er selbst überlebte seinen aufopfernden Lebensstil nicht mal zwei Jahre. Am 16. Januar 1899 starb er an einer Lungenentzündung. Die ganze Stadt trauerte und begrub ihn in Dawson City. Fern von seiner Heimatstadt Baltimore. Er hatte keine Nachkommen. Niemand der sein Grab pflegen würde oder die Geschichte von seinem Vater, Großvater oder Urgroßvater, der während des Goldrauschs das Krankenhaus gebaut hat, erzählen würde. 

Also gehe ich hin und erinnere mich zumindest für ein paar Minuten an seinem Grab an ihn. 

Ich selbst habe auch keine Nachkommen. Und so was Spektakuläres, wie ein Krankenhaus bauen, das vielen Menschen das Leben rettet, plane ich zurzeit auch nicht. Wenn ich sterbe, werden sich vielleicht ein paar Freunde noch an mich erinnern. Wenn die dann auch sterben, war es das. Dann ist meine Zeit vorbei. Nichts wird mehr an mich erinnern. Nichts von dem, was mich jeden Tag umtreibt und wo meine ganze Energie reinfließt, wird noch etwas bedeuten. 

Am Ende stirbt man. Arm oder reich, glückliches oder unglückliches, langes oder kurzes Leben. Und dann beginnt das Vergessen, bei dem einen früher und der anderen später. Ganz langsam verblassen unsere Spuren. Das Ende macht uns alle gleich. Und wenn ich mich auf den Kopf stelle, nichts wird daran etwas ändern. 

Ich möchte mein Leben als Geschenk sehen. Als ein wertvolles Geschenk. Zu dem Goldrausch, in dem William Judge sein Krankenhaus baute, konnte es nur deshalb kommen, weil Gold so wertvoll war. Weil es nämlich nur so wenig davon gab. Es war begrenzt. Mit dem Leben ist es doch irgendwie auch so. Die Begrenztheit macht es zu einem unglaublich wertvollen Geschenk. 

Der Film „Star Trek – Treffen der Generationen“ vermittelt eine Idee davon, welche Konsequenzen ein Leben ohne Begrenzung hätte: Alles wäre möglich, man könnte immer nochmal von vorn anfangen und von Anfang an alles richtig machen. Aber dann wäre auch nichts mehr relevant. Nichts wäre mehr wichtig. 

Ich mag die Szene, wie Captain Picard und Commander Riker am Ende des Films auf der völlig zerstörten Enterprise nach einem Fotoalbum suchen und Picard das gerade Erlebte zusammenfasst: „Jemand hat mir mal gesagt, die Zeit würde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen. Ich möchte viel lieber glauben, dass die Zeit unser Gefährte ist, der uns auf unserer Reise begleitet und uns daran erinnert, jeden Moment zu genießen. Denn er wird nicht wiederkommen. Was wir hinterlassen ist nicht so wichtig wie die Art, wie wir gelebt haben." (Die Szene könnt ihr euch hier anschauen: https://youtu.be/uHSX9e1TadA?t=9s)

Was wir hinterlassen ist nicht so wichtig wie die Art, wie wir gelebt haben. Denn das, was wir hinterlassen, ist immer schon gewesen. Vergangenheit. Nicht mehr zu ändern. Die Art, wie wir leben ist jetzt!

Es ist ganz schön schwierig, nicht mehr zu glauben, dass mein Leben seine Relevanz erst durch das bekäme, was ich mal hinterlasse, was ich erreicht haben werden, wie lange sich Menschen an mich erinnern werden, welchen Eindruck ich gemacht haben werde. Und sich stattdessen darauf zu verlassen: Relevant und wertvoll war mein Leben schon in dem Moment, als ich es geschenkt bekam. Ich muss es nicht erst durch Erfolge und Hinterlassenschaften bedeutsam machen. 

Denn die beste Antwort auf den Tod ist das Leben. Und irgendwie ahne ich, dass ich viel vom wahren Leben ungelebt vorüberziehen lasse, wenn ich zu sehr an das denke, was irgendwann mal von mir bleibt. Oder nicht bleibt. Und die Antwort auf das Leben gehört immer ins Jetzt!