Acht Brillen

Weiß ich den Weg auch nicht

Volkmar Hamp Von Volkmar Hamp

08 Aug 2 min

Seit ein paar Wochen lebt meine Mutter in einem Pflegeheim. Ihre Beine tragen sie nicht mehr, so dass sie auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

Und sie ist dement. Ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht mehr. Sie vergisst augenblicklich, was sie erlebt, worüber wir gesprochen haben. Unentwegt stellt sie immer wieder dieselben Fragen. Die Antworten hat sie schon vergessen, kaum dass wir sie gegeben haben. Traurig und frustrierend ist das.

Was noch ganz gut funktioniert, ist das Langzeitgedächtnis. Wenn es die richtigen Impulse bekommt.

Neulich haben wir „Lieder raten“ gespielt. Wir haben ihr die erste Zeile eines Liedes vorgesprochen, und sie hat den Text weitergeführt. Es waren die Lieder ihrer Kindheit und Jugend.

 

„Weiß ich den Weg auch nicht ...

du weißt ihn wohl;
das macht die Seele still und friedevoll.“

 

„Befiehl du deine Wege ...

und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.“

 

Zehn, zwölf Lieder hat meine Mutter auf diese Weise erinnert. Manche mit allen Strophen.

Dann haben wir es mit Bibelversen versucht, zum Beispiel mit Psalm 23.

 

„Der Herr ist mein Hirte ...

mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.“

 

Ohne Zögern und Stocken kamen meiner Mutter die uralten Worte in den Sinn und über die Lippen. Was für ein Schatz! Sie weiß nicht, wo sie ist und warum. Aber dass Gott auch im finstersten Tal bei ihr ist, das weiß sie noch. Hoffe ich. Jedenfalls sind all diese Zusagen und Verheißungen tief in ihr verborgen. Wir müssen sie nur hervorlocken.

Heute bringen wir meiner Mutter ein „Singvögelein“ und ein altes Gemeindeliederbuch mit. Liederbücher aus der Zeit, als sie noch ganz in sich zu Hause war. Begleiter für die letzte Wegstrecke.

Und ich habe mir vorgenommen, noch ein paar Lieder, Gedichte und Bibelverse auswendig zu lernen. Für alle Fälle.