Acht Brillen

Widerstand und Hoffnung

Kafka – HAIR – Fridays for Future

Volkmar Hamp Von Volkmar Hamp

17 Sep 4 min

Kafka – HAIR – Fridays for Future

An seinem dreißigsten Geburtstag wird der Bankangestellte Josef K. in seiner Wohnung verhaftet. Den Grund dafür erfährt er nicht. Ein Jahr lang versucht er vergeblich, ihn herauszufinden, doch das gelingt ihm nicht. Ohne erfahren zu haben, welcher Verbrechen man ihn beschuldigt, ohne Gerichtsverfahren und Urteil, wird er schließlich am Abend vor seinem einunddreißigsten Geburtstag hingerichtet. – Das ist, kurz zusammengefasst, der Inhalt des unvollendet gebliebenen Romans DER PROZESS von Franz Kafka (1883-1924).

Joern Hinkel, der Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, beschloss im Herbst 2018, dieses Stück 2019 auf den dortigen Spielplan zu setzen. Er tat dies nach dem mysteriösen Tod des saudi-arabischen Journalisten und Systemkritikers Jamal Ahmad Kashoggi am 2. Oktober 2019 im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul. Dazu schreibt er:

„Kafkas Roman ist ausgesprochen vielschichtig. Auf den ersten Blick ist es eine Geschichte über den Verlust von Rechtsstaatlichkeit, ausgelöst durch eine undurchdringliche Organisation, ein anonymes ‚Gericht‘, das durch seine Vorgehensweise elementare Menschenrechte verletzt. Aber es ist auch die Geschichte über eine schweigende Masse, die das Unrecht als gegeben hinzunehmen scheint. Josef K. begehrt auf. Er versucht, hinter das Unrechts-System zu blicken, und wird dafür bestraft. Auf den zweiten Blick ist der PROZESS eine Parabel über die Befreiung aus den Fesseln eines unzumutbaren, willkürlichen Gesetzes, über die Auflehnung gegen einen ungerechten Gott, der den Menschen in einer absurden Welt allein zu lassen scheint.“

2018 war ich das erste Mal bei den Bad Hersfelder Festspielen. Henrik Ibsens PEER GYNT stand auf dem Programm und hat mich nachhaltig beeindruckt („Mein Freund Henrik“) – so nachhaltig, dass ich auch dieses Jahr wieder bei den Festspielen war. Diesmal gleich mit zwei Produktionen: Neben Franz Kafkas PROZESS stand auch das Musical HAIR auf dem Programm.

Gegensätzlicheres gibt es wohl kaum!

Das Musical HAIR* entsteht ein halbes Jahrhundert nach Kafkas Text. Zwei große Kriege hatten die Welt verändert. Im fernen Osten tobte der Vietnamkrieg, in dem 4 Millionen Vietnamesen und 60.000 Amerikaner ihr Leben verloren. Die Jugendbewegung der Hippies** protestierte dagegen – und gegen die sinnentleerten Wohlstandsideale der Generation ihrer Eltern und Großeltern. Ihr Ziel war „eine antiautoritäre und enthierarchisierte Welt- und Wertordnung ohne Klassenunterschiede, Leistungsnormen, Unterdrückung, Grausamkeit und Kriege“ (Hollstein, Gegengesellschaft, 50). Das Musical HAIR bringt das Lebensgefühl dieser 68er-Generation auf die Bühne: Rebellion gegen das Establishment, „Love, Peace and Happiness“, Drogen und freie Liebe, Auflehnung gegen den Krieg.

Was haben Kafkas PROZESS und HAIR miteinander zu tun?

Auf den ersten Blick nichts. Schaut man genauer hin, geht es aber in beiden Stücken um den Konflikt zwischen den bestehenden Verhältnissen auf der einen, und einer gegen diese Verhältnisse aufbegehrenden nachwachsenden Generation auf der anderen Seite.

Kafka lokalisiert diesen Konflikt im Einzelnen und in seinem Widerstand gegen die Verhältnisse. Er schreibt:

„Ich, der ich meistens unselbständig war, habe ein unendliches Verlangen nach Selbständigkeit, Unabhängigkeit, Freiheit nach allen Seiten, lieber Scheuklappen anziehn und meinen Weg bis zum Äußersten gehen, als daß sich das heimatliche Rudel um mich dreht und mir den Blick zerstreut.“ (Tagebücher III, 140)

Die Generation der 68er – oder doch zumindest ein wesentlicher Teil dieser Generation – begehrt gemeinsam auf gegen das, was sie als beengend und zerstörerisch empfindet.

Und heute?

Wieder sind es junge Leute, die ihre Finger in die Wunden unserer Zeit legen. FRIDAYS FOR FUTURE hat sich zu einer globalen Jugendbewegung entwickelt, die für die Bewahrung der Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen kämpft. Das Spannende ist, dass sich hier nicht (nur) ein Generationenkonflikt auftut, sondern ein Riss, der (in allen Generationen) quer durch die Gesellschaft geht. PARENTS FOR FUTURE, SCIENTISTS FOR FUTURE, GRANDPARENTS FOR FUTURE solidarisieren sich mit den Jugendlichen, die um ihre Zukunft kämpfen. Auch CHRISTIANS FOR FUTURE unterstützen die Klima-Bewegung. Und gleichzeitig gibt es Jugendliche, Eltern, Großeltern, Wissenschaftler und Christen, denen der eigene Wohlstand wichtiger ist als die Zukunft unseres Planeten, die weiter nach dem Motto leben: „Nach uns die Sintflut!“

Eine absurde, (scheinbar) gottverlassene Welt! Was trägt da durch?

Max Brod (1884-1968), der Freund und Nachlassverwalter Kafkas, schreibt in seiner Kafka-Biografie:

„Er ist nie in ein schützendes Asyl geflohen, in keines ... Er ist ohne die geringste Zuflucht, ohne Obdach. Darum ist er allem ausgesetzt, wovor wir geschützt sind ...“ (Brod, Franz Kafka, 281f)

Für die Hippies, die in der Schluss-Szene von HAIR trotzig ihr „Let the sunshine in!“ singen, gilt das nicht. Die Gemeinschaft, in der sie sich einem sinnlosen Krieg entgegenstellen, bietet ihnen Zuflucht und Schutz und gibt ihnen die Kraft, sich für Liebe, Frieden und Glück einzusetzen. Dasselbe gilt für die Klimaschutz-Bewegung unserer Tage, die darüber hinaus den Vorteil hat, dass sie nicht nur aus Kindern und Jugendlichen besteht, sondern von vielen Erwachsenen und gesellschaftlichen Gruppen mitgetragen wird. Das macht mir Hoffnung – sie könnte Erfolg haben!

Das gemeinsame Engagement für ein großes Ziel kann schützendes Asyl, Zuflucht und Obdach sein. Ein Bild für die Gemeinde Jesu? Vielleicht. Aber Gemeinde ist mehr. Hier mache ich die Erfahrung, dass ich auch in einer absurd scheinenden Welt nicht von Gott verlassen bin. Hier finde ich die Hoffnung, die meinem Widerstand Kraft gibt.

 

Kafka lesen – aber was?

Eigentlich alles. Aber auch alles anstrengend. Die großen Romane – „Der Prozess“, „Das Schloss“, „Der Verschollene (Amerika)“ – blieben allesamt unvollendet. Ein Meister ist Kafka in den kleinen Formen (Erzählungen, Gleichnisse, Parabeln): „Die Verwandlung“, „Das Urteil“, „In der Strafkolonie“. Unbedingt lesenswert ist auch der autobiographische „Brief an den Vater".

 

Weitere Literatur:

Max Brod, Franz Kafka. Eine Biographie. 3., erw. Aufl. Frankfurt am Main 1954.

Walter Hollstein, Die Gegengesellschaft, Reinbek 1982.

Navid Kermani, Nachmittag Schwimmschule. Kafka und Deutschland. In: Ders., Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen. München 6. Aufl. 2016, 211-228.

Klaus Wagenbach, Franz Kafka. 4. Aufl. Reinbek bei Hamburg 2015.

 

* Untertitel: „The American Tribal Love/Rock Musical“, Texte: Gerome Ragni und James Rado, Musik: Galt MacDermot, Uraufführung: 29.4.1968 am Broadway in New York City, 1979 verfilmt von Miloš Forman

** Von engl. „hip“ = „angesagt“.