Acht Brillen

Wie es sein könnte

Gen 1-3 als schöpfungstheologische Utopie

Volkmar Hamp Von Volkmar Hamp

16 Mai 3 min

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Bildquelle: Volkmar Hamp

Einem neuen UN-Bericht zufolge sind in den kommenden Jahren und Jahrzehnten eine Millionen von geschätzten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit vom Aussterben bedroht. Das Ausmaß des Artensterbens war in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß wie heute. Und es wird sich nicht verhindern lassen, wenn es nicht zu einer Eindämmung des Klimawandels und zu grundlegenden Änderungen bei der Landnutzung und beim Umweltschutz kommt.

Vor diesem Hintergrund lese ich wieder einmal die ersten Kapitel der Bibel: die Geschichten von der Erschaffung der Welt und des Menschen und vom Garten Eden (Gen 1-3).

Diese Geschichten begleiten mich schon mein ganzes Leben. Im Elternhaus und im Kindergottesdienst habe ich sie kennengelernt. Da wurden sie mir als Erinnerung an eine ferne Vorzeit erzählt, in der der Mensch im Frieden mit sich selbst, mit der Natur und mit Gott gelebt habe. Doch das sei vorbei. Nun lebten wir „jenseits von Eden“ (Gen 4,14). Schluss mit lustig! „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“ (Gen 3,19). Erst am Ende der Zeit, wenn Gott sein Reich aufrichtet, wenn wir in den Himmel kommen, dann sei es wieder da: das verlorene Paradies.

Später habe ich gelernt, dass es dieses verlorene Paradies so nie gegeben habe. Weder die Jäger und Sammler in der Frühzeit des Menschen noch die sesshaften Ackerbauern danach hätten in einem solchen Paradies gelebt, in einer heilen Welt, in der Friede herrschte und Mensch und Tier sich nicht in die Quere kamen (Gen 1,29f). In der Natur habe schon immer gegolten: Fressen oder gefressen werden! Die Entwicklung des Lebens auf der Erde beruhe geradezu auf diesem Prinzip. Also: Was sollten diese alten Geschichten?

Im Theologiestudium in einer Vorlesung zur Urgeschichte (Gen 1-11) habe ich begriffen, dass diese alten Geschichten etwas ganz anderes wollen. In ihnen, so sagte man mir, gehe es nicht um die Vergangenheit, sondern um die Gegenwart. Sie wollten nicht beschreiben, was war, sondern erklären, was ist. Warum die Welt so ist, wie sie ist. Warum es Arbeit und Mühe, Liebe und Begehren, Hass und Streit, Vergänglichkeit und Tod gibt. Warum wir nicht in einem Paradies, sondern in dieser Welt leben, die nun mal so ist, wie sie ist. Die Urgeschichte, so lernte ich, erklärt das, indem sie davon erzählt. So wie die Schöpfungsgeschichten und Urzeiterzählungen aller Völker zu allen Zeiten das tun.

Heute reicht mir auch diese Erklärung nicht mehr. Ich denke, die ersten Kapitel der Bibel erklären nicht nur, was ist, sie beschreiben auch, was sein könnte. Sie pflanzen in unsere Köpfe und Herzen eine Idee davon, wie Gott sich diese Welt gedacht, wozu er sie erschaffen hat. Als einen Ort für alles, was lebt: Pflanzen, Tiere und Menschen. Als einen Ort, für den der Mensch im Namen Gottes – als sein Ebenbild und Stellvertreter – Verantwortung übernimmt (Gen 1,26-28). So wie ein Gärtner Verantwortung übernimmt für den Garten, den er bebaut und beschützt (Gen 2,15). Die ersten Kapitel der Bibel sind für mich keine Beschreibung der Vergangenheit. Sie erklären aber auch nicht nur die Gegenwart. Als könnte die nicht auch ganz anders sein als sie ist. Die ersten Kapitel der Bibel erinnern mich an die Zukunft. An die Welt, wie sie sein könnte. An das Leben, wie Gott es sich gedacht hat. Die ersten Kapitel der Bibel sind eine „schöpfungstheologische Utopie“*.

Vielleicht haben die Kinder und Jugendlichen, die bei den „fridays for future“-Demos auf die Straße gehen, um sich für den Klimaschutz einzusetzen (www.fridaysforfuture.de), und die Eltern, die sie dabei unterstützen (www.parentsforfuture.de), mehr davon verstanden als viele andere Menschen. Vielleicht ist die „Rebellion gegen das Artensterben“ (www.extinctionrebellion.de) eine radikale aber notwendige Vergegenwärtigung dieser Erinnerung an die Zukunft. Vielleicht können und müssen wir alle miteinander dafür sorgen, dass diese schöpfungstheologische Utopie nicht nur Zukunftsmusik bleibt, sondern wenigstens so weit Wirklichkeit wird, dass auch unsere Kinder und Kindeskinder noch auf diesem Planeten leben können.

 

* Karl Löning / Erich Zenger, Als Anfang schuf Gott. Biblische Schöpfungstheologien. Düsseldorf 1997, 142.

Utopie (griech.: "Nicht-Ort") ist ein auf den Engländer Thomas Morus (1478-1535) und sein Buch "Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia" (1516) zurückgehender Begriff für eine zukünftige, bessere Gesellschaftsordnung. Utopien gelten oft als schöne, aber unrealistische Zukunftsvisionen. Trotzdem können sie die Gegenwart zum Positiven hin verändern.